saoirse ní chroíúil
Es war kurz vor elf Uhr abends, als Dr. Anthony McGrath mit seinem weißen BMW den Parkplatz des Krankenhauses in Holywood verließ. Die psychiatrische Abteilung des City Hospital war erst vor kurzem in den ruhigen Vorort von Belfast verlegt worden. Er hatte sich noch im Pub neben dem Hotel mit seinem alten Freund Micheál verabredet, der seit Jahren im Ort eine Art Mischung aus Detektei und journalistischer Recherche-Agentur betrieb.
Micheál saß bereits an der Bar, als McGrath den Pub betrat.
»Hallo, wie geht's denn so? Danke, dass du gekommen bist. Was dagegen, wenn wir uns dort hinten an den Tisch zurückziehen?« sagte er zu Micheál, und wandte sich dann zum Barkeeper.
»Ein Pint bitte, John!«
»Was gibt es so Dringendes, mein Freund, dass du mich unbedingt heute abend noch sprechen wolltest? Am Sonntag! Und dann auch noch in der hintersten, dunkelsten Ecke der Kneipe!«, er lachte und bewegte sich mit seinem halbvollen Glas in die von Anthony gewünschte Richtung.
»Auf meiner Station ist heute eine Patientin verstorben. Laut Ausweispapieren hieß sie Saoirse Ní Chroíúil, und ich könnte schwören, dass ich den Namen schon mal im Zusammenhang mit IRA oder sonstwas gehört habe. Da du einfach wesentlich mehr über das Zeitgeschehen weißt als ich, wollte ich dich in dem Zusammenhang mal befragen. Mir lässt das Ganze keine Ruhe. Seit sie tot ist, wittere ich Ärger. Irgendwas stimmt an der ganzen Sache nicht.«
»Der Name ist irisch durch und durch, klingt aber eben auch wieder zu irisch. So, als wäre er von einem Sprachfanatiker oder einem ähnlichen Scherzkeks erfunden worden. Was hatte die Frau denn für Papiere?«
»Sie war vor einigen Jahren mal Gastwissenschaftlerin am Celtic Department der Queens University gewesen. Sie kam aus Deutschland, war aber angeblich irischer Abstammung. Sie lebte laut Aussage der Krankenakte seit Jahren von Sozialhilfe, da sie, nachdem ihre Gastdozentur ausgelaufen war, nicht wieder nach Deutschland zurückgekehrt war.
Anthony stürzte sein Guinness geradezu herunter. Das erste nach einem langen Arbeitstag schmeckte immer am besten.«
»Siehst du, ich sagte doch, Sprachfanatiker. Die deutschen Keltologen können ja mittlerweile bald besser Irisch als die Leute aus den irischsprachigen Gebieten. Dennoch, wenn du mich fragst, war der Name frei erfunden. Es hat zwar in den siebziger Jahren in der Republik Irland eine wahre Schwemme von Mädchen mit dem Namen Saoirse, "Freiheit", gegeben, aber Ní Chroíúil als Familienname? Abgesehen davon, dass die Form grammatisch falsch ist, ist es auch keineswegs üblich, Namen von Adjektiven abzuleiten. Nun ja, ich werde für dich recherchieren. Jetzt gehe ich aber erst mal zur Bar. Du bekommst doch bestimmt auch noch ein Pint Stout, oder?«
»Sehr gerne.«
Micheál kam ein paar Minuten später mit den zwei Gläsern zurück und setzte sich wieder neben seinen Bekannten.
»Anthony, ich will dir mal was sagen. Du bist zweifellos ein sehr guter Psychiater, aber manchmal werde ich das Gefühl nicht los, dass du dich auch privat viel zu sehr für die Schicksale deiner Patienten interessierst.«
»Aber Micheál, hier handelt es sich um einen Todesfall.«
»Na und? Überleg dir mal, mit wie vielen Todesfällen Chirurgen oder Internisten jeden Tag zu tun haben. Meinst du ernsthaft, die versuchen jedes Mal, herauszufinden, warum ein Krebspatient alleinstehend war oder was die soziale Herkunft eines Unfallopfers war?«
»Ja, du hast Recht. Aber dieser Fall lässt mir einfach keine Ruhe. Es war von Anfang an alles so... seltsam. Sie sprach so viele Sprachen, war so intelligent, hatte so viel erlebt... ich hatte gerade erst ihr Vertrauen gewonnen, sie fing an, sich auf die Therapie einzulassen, und dann stirbt sie aus heiterem Himmel an Herzstillstand. Das ist einfach so... unfair!«
»Wenn du allein mit der ganzen Sache nicht fertig wirst, ruf die Cops an. Vielleicht hatte sie ja wirklich etwas mit Spionage oder Terrorismus zu tun.«
»Aber Micheál, du bist immer derjenige gewesen, den ich für geeignet hielt, relevante Informationen herauszufinden, um psychisch kranke Leute vor der Polizei zu schützen. Warum in aller Welt rätst du mir jetzt auf einmal dazu, die Gegenseite zu konsultieren?«
»Ich bin Journalist und Hobby-Detektiv, aber ich will nichts mit staatsfeindlichen Aktivitäten zu tun haben. Gut, ich helfe dir, alles was in meiner Macht steht, über die Frau rauszufinden. Aber sobald ich Verdacht schöpfe, dass irgendwas nicht sauber ist, informieren wir die Polizei, OK?«
Anthony konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Micheál bereits mehr über Saoirse Ní Chroíúil wusste, als er ihm gegenüber vorgab. Mit einer solchen Bestimmtheit hatte er ihn jedenfalls noch nie von der Option, die Polizei einzuschalten, überzeugen wollen, und es war wahrlich nicht das erste Mal, dass er ihn um Informationen in heiklen Angelegenheiten bat, wenn es um Patienten mit kriminellem Hintergrund ging.
Er gab ihm die Kopie der Akte Ní Chroíúil, sie tranken jeder noch ein drittes Pint, unterhielten sich über belanglose Dinge und verließen gegen 0:30 das Lokal. Micheál konnte zu Fuß nach Hause gehen, da er in Holywood wohnte, Anthony fuhr mit dem Auto nach Belfast.
Micheál saß bereits an der Bar, als McGrath den Pub betrat.
»Hallo, wie geht's denn so? Danke, dass du gekommen bist. Was dagegen, wenn wir uns dort hinten an den Tisch zurückziehen?« sagte er zu Micheál, und wandte sich dann zum Barkeeper.
»Ein Pint bitte, John!«
»Was gibt es so Dringendes, mein Freund, dass du mich unbedingt heute abend noch sprechen wolltest? Am Sonntag! Und dann auch noch in der hintersten, dunkelsten Ecke der Kneipe!«, er lachte und bewegte sich mit seinem halbvollen Glas in die von Anthony gewünschte Richtung.
»Auf meiner Station ist heute eine Patientin verstorben. Laut Ausweispapieren hieß sie Saoirse Ní Chroíúil, und ich könnte schwören, dass ich den Namen schon mal im Zusammenhang mit IRA oder sonstwas gehört habe. Da du einfach wesentlich mehr über das Zeitgeschehen weißt als ich, wollte ich dich in dem Zusammenhang mal befragen. Mir lässt das Ganze keine Ruhe. Seit sie tot ist, wittere ich Ärger. Irgendwas stimmt an der ganzen Sache nicht.«
»Der Name ist irisch durch und durch, klingt aber eben auch wieder zu irisch. So, als wäre er von einem Sprachfanatiker oder einem ähnlichen Scherzkeks erfunden worden. Was hatte die Frau denn für Papiere?«
»Sie war vor einigen Jahren mal Gastwissenschaftlerin am Celtic Department der Queens University gewesen. Sie kam aus Deutschland, war aber angeblich irischer Abstammung. Sie lebte laut Aussage der Krankenakte seit Jahren von Sozialhilfe, da sie, nachdem ihre Gastdozentur ausgelaufen war, nicht wieder nach Deutschland zurückgekehrt war.
Anthony stürzte sein Guinness geradezu herunter. Das erste nach einem langen Arbeitstag schmeckte immer am besten.«
»Siehst du, ich sagte doch, Sprachfanatiker. Die deutschen Keltologen können ja mittlerweile bald besser Irisch als die Leute aus den irischsprachigen Gebieten. Dennoch, wenn du mich fragst, war der Name frei erfunden. Es hat zwar in den siebziger Jahren in der Republik Irland eine wahre Schwemme von Mädchen mit dem Namen Saoirse, "Freiheit", gegeben, aber Ní Chroíúil als Familienname? Abgesehen davon, dass die Form grammatisch falsch ist, ist es auch keineswegs üblich, Namen von Adjektiven abzuleiten. Nun ja, ich werde für dich recherchieren. Jetzt gehe ich aber erst mal zur Bar. Du bekommst doch bestimmt auch noch ein Pint Stout, oder?«
»Sehr gerne.«
Micheál kam ein paar Minuten später mit den zwei Gläsern zurück und setzte sich wieder neben seinen Bekannten.
»Anthony, ich will dir mal was sagen. Du bist zweifellos ein sehr guter Psychiater, aber manchmal werde ich das Gefühl nicht los, dass du dich auch privat viel zu sehr für die Schicksale deiner Patienten interessierst.«
»Aber Micheál, hier handelt es sich um einen Todesfall.«
»Na und? Überleg dir mal, mit wie vielen Todesfällen Chirurgen oder Internisten jeden Tag zu tun haben. Meinst du ernsthaft, die versuchen jedes Mal, herauszufinden, warum ein Krebspatient alleinstehend war oder was die soziale Herkunft eines Unfallopfers war?«
»Ja, du hast Recht. Aber dieser Fall lässt mir einfach keine Ruhe. Es war von Anfang an alles so... seltsam. Sie sprach so viele Sprachen, war so intelligent, hatte so viel erlebt... ich hatte gerade erst ihr Vertrauen gewonnen, sie fing an, sich auf die Therapie einzulassen, und dann stirbt sie aus heiterem Himmel an Herzstillstand. Das ist einfach so... unfair!«
»Wenn du allein mit der ganzen Sache nicht fertig wirst, ruf die Cops an. Vielleicht hatte sie ja wirklich etwas mit Spionage oder Terrorismus zu tun.«
»Aber Micheál, du bist immer derjenige gewesen, den ich für geeignet hielt, relevante Informationen herauszufinden, um psychisch kranke Leute vor der Polizei zu schützen. Warum in aller Welt rätst du mir jetzt auf einmal dazu, die Gegenseite zu konsultieren?«
»Ich bin Journalist und Hobby-Detektiv, aber ich will nichts mit staatsfeindlichen Aktivitäten zu tun haben. Gut, ich helfe dir, alles was in meiner Macht steht, über die Frau rauszufinden. Aber sobald ich Verdacht schöpfe, dass irgendwas nicht sauber ist, informieren wir die Polizei, OK?«
Anthony konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Micheál bereits mehr über Saoirse Ní Chroíúil wusste, als er ihm gegenüber vorgab. Mit einer solchen Bestimmtheit hatte er ihn jedenfalls noch nie von der Option, die Polizei einzuschalten, überzeugen wollen, und es war wahrlich nicht das erste Mal, dass er ihn um Informationen in heiklen Angelegenheiten bat, wenn es um Patienten mit kriminellem Hintergrund ging.
Er gab ihm die Kopie der Akte Ní Chroíúil, sie tranken jeder noch ein drittes Pint, unterhielten sich über belanglose Dinge und verließen gegen 0:30 das Lokal. Micheál konnte zu Fuß nach Hause gehen, da er in Holywood wohnte, Anthony fuhr mit dem Auto nach Belfast.
saoirse - 19. Mai, 12:58
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