Tag 3: Wo bin ich? Hat jemand einen Kalender?
Am frühen Morgen noch schnell mit Herrn Bandinowitsch dem Höhlenkloster einen Besuch abgestattet, und ab Richtung Osten. Die folgenschwere Entscheidung, mit einer alten Sowjetunion-Karte ostdeutscher Provenienz aus Opas Bücherregal auf diese Reise aufzubrechen, sollte sich nun zum ersten Mal bemerkenswert rächen. Ich wusste doch gar nicht, dass man zwischen Kiew und Taschkent nicht nur zwei Zeitzonen, sondern auch mehrere paramilitärische Schlagbäume und vor allem Kalendergrenzen passieren muss.
Jedenfalls mache ich in Charkow gegen Mittag zum ersten Mal Rast und bin noch total guter Dinge, sind doch die Straßen durchaus befahrbar und die Umgebung spannend. Plötzlich fällt mir - rechtzeitig innerhalb der Ukraine - ein, dass ich ja mein Panini-Album im Tankruksack habe und mir noch 5 Ukrainer fehlen. Also gehe ich zum Kiosk. Kaufe 20 Tütchen [die kosten hier einen Bruchteil der 50cent, die man bei uns dafür berappen muss] und setze mich auf eine Parkbank, um sie auszupacken, in aufsteigender Reihenfolge zu sortieren und einzukleben (ein Ritus, den mich mir selbst auf einer Weltreise nicht nehmen lasse). Ein junger Mann gesellt sich zu mir, erfährt, dass ich Gladbach-Fan bin und lädt mich in einen verrauchten Raum ein, der eine Mischung aus Jugendclub, Proberaum für Punk-Bands, die gerne zum Eurovision Song Contest möchten, und illegalem Wettbüro zu sein scheint.
"Du sagen - wir wetten!", sagt er in gebrochenem Deutsch. "Ukraine Quarter Finale", verstehe ich noch. "Gegen wen?" ("Oh Gott, wenn Spanien vorher rausfliegt und ihr im Achtelfinale gegen Frankreich gewinnt, bin ich Pelé" denke ich bei mir und sage vorsichtshalber, einfach um die Grenzen des möglichen nicht zu durchbrechen, "Togo"). "Ja, brüllen sie, es steht 83:21". "Alles klar, sage ich". "Wir wohnen bei dir wenn Halbfinale, in Deutschland. In genau zehn Woche", sagt er zum Abschied. Ich rechne. Irgendetwas stimmt nicht. Zehn Wochen ist zuviel. Ich rechne wieder. Meine orthodoxe Erziehung mahnt zur Revision der westeuropäischen kalendarischen Ordnung. Es kann doch wohl nicht sein, dass die Ukrainer die WM nach dem Julianischen Kalender erwarten, denke ich mir und kehre, obwohl ich den Tankrucksack schon aufgeschnallt habe, noch einmal um. "Leute, ihr wisst schon, dass die WM am 9.6. nach gregorianischer Zeitrechnung beginnt, oder?", frage ich die Wettkönige. Ratloses Geschwätz beginnt. Irgendjemand zückt ein Handy. Ich vermute, dass er mindestens mit dem Patriarchen von Kiew oder dem ukrainischen Nationaltrainer telefoniert. Dann geht alles sehr schnell. Ich werde in Handschellen aufs nächste Polizeirevier gebracht. Der Dolmetscher teilt mir so viel mit, dass ich angeblich Wetteinsätze manipulieren wollte, indem ich die Achtel- und Viertelfinalspiele auf ein falsches Datum gesetzt hätte. "Du lieber Himmel", denke ich und versuche, sie damit zu trösten, dass ja bald der Eurovision Song Contest sei und sie dabei statistisch weit höhere Chancen aufs Finale hätten als bei der Fußball-WM. Irgendwann wird es mir zu bunt und ich fange an, zu diskutieren. Man solle gefälligst der Fußballmannschaft mitteilen, dass sie jetzt ein wenig schneller trainieren müsse und mich in Ruhe lassen, ich habe schließlich einen viel engeren Zeitplan, da ich vor dem Anpfiff wieder in Berlin sein muss. Im Revier wird weiter heftig diskutiert. Mein bruchstückhaftes Ostslawisch reicht so weit, dass ich verstehe, dass man mich jetzt irgendwie in hochoffizieller Form dafür entschädigen müsse, meinen Zeitplan nicht mehr einhalten zu können. Die wollen mich als Heldin eskortieren. Ich will doch nur hier raus...
Man entschuldigt sich in großer Form und mir wird angeboten, die Suzi auf einen Militär-LKW zu laden und nach Taschkent zu fahren, was ich dankend ablehne. Dennoch fahren wir bis zur ukrainisch-kasachischen Grenze im Konvoi, was sich als sehr gute Idee herausstellt, da ich überhaupt kein usbekisches VIsum habe. Der Wettkönig jedoch bezahlt das Schmiergeld, und ich bekomme zwei kasachische und einen schönen bunten usbekischen Stempel in meinen Pass und eine rote Nelke vom Zollbeamten in die Halterung vom Tankrucksack. An Kasachstan kann ich mich dann auch nicht so recht erinnern...
Richtig sexy Uniformen haben sie, die usbekischen Zöllner!
Jedenfalls mache ich in Charkow gegen Mittag zum ersten Mal Rast und bin noch total guter Dinge, sind doch die Straßen durchaus befahrbar und die Umgebung spannend. Plötzlich fällt mir - rechtzeitig innerhalb der Ukraine - ein, dass ich ja mein Panini-Album im Tankruksack habe und mir noch 5 Ukrainer fehlen. Also gehe ich zum Kiosk. Kaufe 20 Tütchen [die kosten hier einen Bruchteil der 50cent, die man bei uns dafür berappen muss] und setze mich auf eine Parkbank, um sie auszupacken, in aufsteigender Reihenfolge zu sortieren und einzukleben (ein Ritus, den mich mir selbst auf einer Weltreise nicht nehmen lasse). Ein junger Mann gesellt sich zu mir, erfährt, dass ich Gladbach-Fan bin und lädt mich in einen verrauchten Raum ein, der eine Mischung aus Jugendclub, Proberaum für Punk-Bands, die gerne zum Eurovision Song Contest möchten, und illegalem Wettbüro zu sein scheint.
"Du sagen - wir wetten!", sagt er in gebrochenem Deutsch. "Ukraine Quarter Finale", verstehe ich noch. "Gegen wen?" ("Oh Gott, wenn Spanien vorher rausfliegt und ihr im Achtelfinale gegen Frankreich gewinnt, bin ich Pelé" denke ich bei mir und sage vorsichtshalber, einfach um die Grenzen des möglichen nicht zu durchbrechen, "Togo"). "Ja, brüllen sie, es steht 83:21". "Alles klar, sage ich". "Wir wohnen bei dir wenn Halbfinale, in Deutschland. In genau zehn Woche", sagt er zum Abschied. Ich rechne. Irgendetwas stimmt nicht. Zehn Wochen ist zuviel. Ich rechne wieder. Meine orthodoxe Erziehung mahnt zur Revision der westeuropäischen kalendarischen Ordnung. Es kann doch wohl nicht sein, dass die Ukrainer die WM nach dem Julianischen Kalender erwarten, denke ich mir und kehre, obwohl ich den Tankrucksack schon aufgeschnallt habe, noch einmal um. "Leute, ihr wisst schon, dass die WM am 9.6. nach gregorianischer Zeitrechnung beginnt, oder?", frage ich die Wettkönige. Ratloses Geschwätz beginnt. Irgendjemand zückt ein Handy. Ich vermute, dass er mindestens mit dem Patriarchen von Kiew oder dem ukrainischen Nationaltrainer telefoniert. Dann geht alles sehr schnell. Ich werde in Handschellen aufs nächste Polizeirevier gebracht. Der Dolmetscher teilt mir so viel mit, dass ich angeblich Wetteinsätze manipulieren wollte, indem ich die Achtel- und Viertelfinalspiele auf ein falsches Datum gesetzt hätte. "Du lieber Himmel", denke ich und versuche, sie damit zu trösten, dass ja bald der Eurovision Song Contest sei und sie dabei statistisch weit höhere Chancen aufs Finale hätten als bei der Fußball-WM. Irgendwann wird es mir zu bunt und ich fange an, zu diskutieren. Man solle gefälligst der Fußballmannschaft mitteilen, dass sie jetzt ein wenig schneller trainieren müsse und mich in Ruhe lassen, ich habe schließlich einen viel engeren Zeitplan, da ich vor dem Anpfiff wieder in Berlin sein muss. Im Revier wird weiter heftig diskutiert. Mein bruchstückhaftes Ostslawisch reicht so weit, dass ich verstehe, dass man mich jetzt irgendwie in hochoffizieller Form dafür entschädigen müsse, meinen Zeitplan nicht mehr einhalten zu können. Die wollen mich als Heldin eskortieren. Ich will doch nur hier raus...
Man entschuldigt sich in großer Form und mir wird angeboten, die Suzi auf einen Militär-LKW zu laden und nach Taschkent zu fahren, was ich dankend ablehne. Dennoch fahren wir bis zur ukrainisch-kasachischen Grenze im Konvoi, was sich als sehr gute Idee herausstellt, da ich überhaupt kein usbekisches VIsum habe. Der Wettkönig jedoch bezahlt das Schmiergeld, und ich bekomme zwei kasachische und einen schönen bunten usbekischen Stempel in meinen Pass und eine rote Nelke vom Zollbeamten in die Halterung vom Tankrucksack. An Kasachstan kann ich mich dann auch nicht so recht erinnern...
Richtig sexy Uniformen haben sie, die usbekischen Zöllner!
saoirse - 4. Mai, 01:29
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